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Bist du bereit zu sterben?

 

M. Ich… aber es kommen keine Worte, es kommen nur Bilder.

S. Das dachte ich mir. Ist es möglich, die Bilder auszusprechen?

M. Ich versuche es mal. Es ist schwierig. Es sind mehr Bilder, die aus Gefühlen heraus entstehen, nicht aus einer Sichtweise.

S. Okay. Vielleicht ordnest du die Bilder. Wir... 

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M. Wir sind alt. Wir haben viel gesehen. Worte sind nicht unser Ausdruck. Bilder sind ein einfacherer Weg der Kommunikation, doch können wir Worte nutzen. Lange Zeiträume kann man besser mit Bildern füllen als mit Worten.

S. Was heißt denn ihr seid alt?

M. Stellt euch einen Baum vor, einen alten Baum. Eine Kiefer, die auf einem Berggipfel wächst. Sie wächst langsam, Stück für Stück. Lange Zeiten der Ruhe, kurze Zeiten des Wachstums und doch lebt sie, doch wächst sie. Wird alt und älter, und stirbt, um aus sich neu herauszuwachsen. Man sieht den alten Stamm. Das tote Gerüst, doch an der Wurzel wächst es weiter. Das Alte und das Neue, gleichbedeutend. Das Alte ist im Neuen und doch ist es noch vorhanden in seinem Ursprung, in seiner Struktur, in seinem Gerüst. Dieselbe Essenz, keine Trennung und doch zwei unterschiedliche Bilder. Das Leben geht weiter. Das Äußere neu, das Innere unverändert. Und weiter lebt es, obwohl es doch schon tot ist. Doch was ist der Tod? Wann ist etwas tot? Gibt es den Tod wirklich? Oder ist es nur ein Name, der gegeben wird für etwas Unveränderliches, was Teil einer ständigen Veränderung ist, doch nicht in die begrenzte Wahrnehmung hineinpasst? Wenn man ein Moos nimmt, es austrocknen lässt, in eine Pflanzensammlung hineinlegt und dort viele Jahre lässt; ist es dann tot, das Moos? Doch wenn es tot ist, wie kann es sein, dass es weiterwächst, wenn man es in Wasser legt, wieder grün wird, lebendig. Ist Tod und Leben austauschbar, beliebig, abhängig von den Umständen? Ein Samenkorn, was trocken liegt, irgendwo, Jahrzehnte, Jahrtausende vielleicht, ist es tot oder lebt es? War es jemals lebendig oder wird es erst lebendig, wenn die äußeren Umstände dem Leben gerecht werden? Was ist mit dem Menschen? Wann ist der Mensch tot, wann lebt er? Ist der Mensch als Kind derselbe als Erwachsener? Wenn ja, was ist dasselbe? Nicht eine Zelle im Körper des Kindes wird das Erwachsenenalter erreichen. Ein ständiger Wechsel, ein ständiger Austausch von Körperzellen. So, was ist am Erwachsenen noch dran was er schon als Kind hatte?  Nichts. Und doch lebt der Mensch oder stirbt er viele kleine Tode, mit jeder Zelle, und wird millionenfach neu geboren im Laufe der Jahre? Und was ist Leben? Ihr kennt Pflanzen, ihr kennt Tiere, Bakterien.

Die spirituellen Menschen erkennen Leben in einem Kristall. Manche Menschen sagen auch, die Erde lebt. Lebt auch der Mond? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Wo beginnt Leben? Wo endet es?

Ihr beschäftigt euch mit dem Tod. Doch was ist der Tod? Ihr könnt den Tod nicht greifen, nicht erfassen. So schafft ihr einen Rahmen, um es eurem Verstand verständlich zu machen. So gestaltet ihr euer Leben. Ihr erschafft den Tod, damit das Leben nicht ewig währt. Doch wisst ihr noch nicht einmal genau was Leben eigentlich ist. Ihr habt eine Wahrnehmung, ein Gefühl, ein Verständnis, doch kein wirkliches Bewusstsein. Nicht einmal ein konkretes Wissen, ob es Leben und Tod überhaupt gibt. So schafft ihr einen Rahmen, in dem ihr euch bewegt. Ihr schafft Perimeter in denen ihr Leben definiert, in denen ihr den Tod definiert, so dass ihr mit Leben und Tod umgehen könnt. Doch wieder und wieder werdet ihr konfrontiert mit Dingen, die in diese Perimeter nicht hineinpassen und auch dafür habt ihr Perimeter. Perimeter der Ablehnung oder der Anpassung, der Akzeptanz. Oder ihr schafft neue Perimeter, um eure neuen Erfahrungen hinein zu integrieren. Dies ist wichtig für eure Erfahrungen. Alles braucht einen Rahmen. Jeder Inhalt braucht ein Gefäß. Fragt euch selbst: „Seid Ihr bereit zu sterben?. Jeder, der sich diese Frage stellt, wird eine andere Antwort darauf finden und eine andere Reaktion darauf haben. Mit Ja und Nein antworten können, oder unsicher sein, Angst haben. Der Eine wird vielleicht mit Ja antworten, der andere vielleicht mit noch nicht oder nicht jetzt. Und auch wird es welche geben, die sich diese Frage nicht stellen werden, ignorieren, damit überhaupt nichts zu tun haben wollen und doch hat jeder von euch ständig und immer wieder damit zu tun. Alles ist ein Sterben. Alles was ihr tut, alles was ihr nicht tut, bringt euch einem Sterben näher und dementsprechend auch einem Leben. Eine Blüte muss sterben, damit sich eine Frucht bilden kann. Wenn die Blüte ewig lebt, wird es nie eine Frucht geben. Die Frucht muss verfaulen, damit der Samen keimen kann. Ist die Frucht ewig, gibt es keine Samen. Sterben ist nur ein anderes Wort für Veränderung. Tod hat für euch etwas mit Ende zu tun, mit einem Ende, dessen was war, mit dem Ende eines Lebens. Im Tod seht ihr Verlust. Doch der Tod ist auch Gewinn, denn der Tod ist nicht nur Ende, der Tod ist Vollendung. Mit dem Tod ist das Werk des Lebens getan, das Werk ist vollendet. Eine Blüte öffnet sich, erstrahlt in ihrer Größe und Schönheit, doch wofür? Nicht, um das Auge zu erfreuen, nicht um mit lieblichem Duft die Nase zu füllen, dies sind nur Mittel zum Zweck. Die Blüte lockt an, sie möchte befruchtet, sie möchte bestäubt werden, dann ist ihr Werk vollendet, dann geht sie freiwillig. Man könnte sagen, sie stirbt. Man könnte sagen, im Sterben ist die Blüte tot, doch sie hinterlässt einen Fruchtansatz. Dieser lebt, wird größer und wächst. So könnte man auch sagen, die Blüte ist niemals gestorben, sie hat sich verändert. Wenn eine Raupe sich verpuppt, wenn ein Schmetterling aus der Puppe schlüpft, stirbt die Raupe, wenn sie sich verpuppt? Ist die Raupe tot? Stirbt die Puppe, wenn der Schmetterling schlüpft? Ist die Puppe dann tot? So fragt euch noch einmal: „Seid ihr bereit zu sterben?“.  Seid ihr tot, wenn ihr gestorben seid?